Chronische metabolische Azidose

Bild von Zitronen. Link zur Übersäuerung

Bicarbonat-Tabletten bei Krebs?

Ende 2020 hat eine Studie1 für Patienten mit akuter myeloider Leukämie (Blutkrebs) gezeigt, dass nach der Stammzellentherapie im Falle eines Rückfalls die Gabe von Bicarbonat-Tabletten die Funktion von T-Lymphozyten verbessert. Ist orales Bicarbonat jetzt auch ein Krebsmedikament? Auch wenn bisher nur 10 Leukämiepatienten mit wiederkehrendem Blutkrebs untersucht wurden, sind die Ergebnisse doch vielversprechend.

Vor der Studie hatten die Forscherinnen und Forscher bereits in umfangreichen Vorarbeiten mit Zellkulturen und Mäusen untersucht, welche Rolle eine cmA bei Blutkrebs spielt. Von Krebszellen produziertes Laktat löst die cmA aus. Die Krebszellen nutzen die Milchsäure anscheinend zur chemischen Kriegsführung gegen T-Lymphozyten (weiße Blutkörperchen), welche normalerweise Krebszellen abtöten. Doch das ausgeschüttete Laktat hemmt den Energiestoffwechsel der Lymphozyten und damit ihre Vermehrung. Als Folge können die Lymphozyten weniger effektiv Krebszellen abtöten.

Bei den untersuchten Leukämiepatienten hatten Blutgasanalysen gezeigt, dass der pH dieser Patienten sauer ist: Während der pH des Blutes normalerweise im Bereich von 7,36 bis 7,44 liegt, war er bei den Leukämiepatienten nur knapp über 7,0. Diese Werte zeigten, dass die Patienten schwer krank waren. Ebenso war der Serum-Bicarbonatspiegel, der normalerweise zwischen 22 und 26 mmol/l liegt, auf Werte zwischen 10 und 18 mmol/l abgefallen. Bicarbonat ist die wichtigste Puffersubstanz im Blut und dient dazu, den pH-Wert des Blutes im Normalbereich zu halten. Die Patienten litten also unter einer schweren cmA. Im Gegensatz zu Nierenpatienten war die Ursache hier nicht die ungenügende Produktion von Bicarbonat durch eine geschädigte Niere, sondern die verstärkte Produktion von Milchsäure durch die Leukämiezellen.

Nach einer Woche Behandlung mit Bicarbonat-Tabletten waren pH und Serum-Bicarbonatspiegel bei den Patienten signifikant höher als vor der Therapie. Behandelt wurde mit bicaNorm®, das 1 g Natriumhydrogencarbonat pro Tablette enthält. Leider schreiben die Autoren nicht, wie viele Tabletten pro Tag eingenommen wurden. Die T-Lymphozyten der behandelten Patienten waren aktiver bei der Krebsbekämpfung, sie produzierten mehr Proteine, die Krebszellen zerstören. Die Autoren haben also nachgewiesen, dass Bicarbonat-Tabletten bei schwerer cmA die körpereigene Abwehr gegen Krebszellen stärken. Leider fehlt der Nachweis, dass hierdurch auch das klinische Ergebnis verbessert wird, also z. B. dass die Patienten länger leben.

Abbildung 1: Änderung des Blut-pH und des Serum-Bicarbonats bei Leukämiepatienten nach einwöchiger Behandlung mit oralem Bicarbonat

Kurz, die Studie zeigt, wie der Ausgleich einer cmA mit oralem Bicarbonat die Aktivität von Lymphozyten gegen Leukämiezellen erhöht. Natrium-Bicarbonat unterbindet dabei auf mehreren Wegen die Wirkung des von den Krebszellen produzierten Laktats:

  • Es normalisiert den Zellstoffwechsel, weil es die Laktat-induzierten Zellschäden der Lymphozyten repariert.
  • Es verhindert das ungehinderte Einströmen von Laktat in die Lymphozyten, womit diese Laktat zur Energiegewinnung nutzen können.
  • Bicarbonat kann den Lymphozyten als Baustein zur Nukleotid-Synthese dienen und somit dazu beitragen, die Zellfunktionen aufrechtzuerhalten.

Diese Erkenntnisse geben einen Einblick in die zahlreichen Vorgänge in den Zellen, die durch einen massiv gestörten Säure-Basen-Haushalt beeinflusst werden.


Quelle: Uhl FM et al. Metabolic reprogramming of donor T cells enhances graft-versus-leukemia effects in mice and humans. Science translational medicine 2020; 12: 1–14.